Der Wind war eisig und zog in jede Ritze unserer Burg Nebelwacht. Die Morgensonne kämpfte sich noch aus dem Nebel, als ich meinen Bart flocht, so wie Grimrok es mir beigebracht hatte. Wehmütig musste ich daran denken, dass er nun schon viele Mondläufe lang fort war, um nach Grimsvoetn zu suchen. Dies mag zwar für einen Zwerg ein Wimpernschlag sein, doch für einen Zwerg, erfüllt von Eah’s Segen der Liebe, war selbst diese Zeitspanne kaum zu ertragen.
Vorsichtig holte ich meinen wertvollsten Schatz hervor, Grimroks Bartsträhne eingefasst in ein kleines Medaillon, dass ich selbst geschmiedet hatte, ebenfalls ganz nach Grimroks Anweisungen und blickte sehnsüchtig auf die wundervolle Bartsträhne, die ich schon so oft erblickt hatte.
Ein laut schepperndes Dröhnen drang an mein Ohr und Mama Marens liebliche Stimme donnerte laut über alle Flure: „Aufstehen ihr Faulpelze! Es gibt Frühstück und dann auf zum Morgenapell!“
Seufzend lies ich das Medaillon schnell unter meinem Rüstwams verschwinden und verließ eilig meine großzügig gebaute Kammer. Warum auch immer die anderen Gardisten sich ständig über die kleinen Betten beschwerten und darüber, dass kaum eine Kleiderkiste hineinpasse verstand ich nicht so recht. Ich konnte mich herrlich ausstrecken wenn ich wollte und Platz war mehr als genug.
Der Tag war einer wie viele, Siegesmund verschlief den Apell und durfte hinterher bei Mama Maren in der Küche Kartoffeln schälen bis er keine mehr sehen konnte. Lutz begleitete den Apell mit lauten Darmwinden, woraufhin Tristan und Gregor in solches Lachen ausbrachen, dass Leutnant Knut sichtlich genervt alle drei zu Liegestützen verdonnerte.
Bis zum Abend ging dann jeder seinen täglichen Aufgaben nach. Je mehr das Dunkel heranrückte desto aufgeregter wurden alle, denn zu den in den nächsten Tagen anstehenden Feierlichkeiten hatten sich unter den üblichen Gästen auch besonders hohe Gäste vom fernen Kontinent Mythodea angekündigt. Kapitän Mutter, die so wichtig war, dass sie sich auf dem großen Sommerfeldzug sogar auf den Stuhl des Gardekommandanten hatte setzten dürfen, und Wadubrand ein Ritter in edlen Gewändern mit stattlichem Gefolge: Ein fleißiger junger Knappe, ein Wechselbalg mit spitzen Ohren und eine junge Dame, von deren Verkaufstalent schon bis nach Nebelwacht zu hören war.
Doch was ein Abend voll freudigem Wiedersehen werden sollte, war ein Abend voller unerwarteten Ereignissen, Schrecken und tiefem Verlust.
Kurz vor den Toren von Nebelwacht wurden unsere werten Gäste von Xavius Schergen überfallen. Es muss ein fürchterliches Kampfgetümmel gewesen sein, denn aus den Erzählungen die mir zugetragen wurden ging hervor, dass Kapitän Mutter hinter die Linien entführt wurde und selbst Wadubrand es nicht vermochte durch die Reihe der verwesend stinkenden und von tiefen Narben überzogenen Schergen zu gelangen, die nach jedem Schlag zwar kurz einbrachen, doch immer wieder trotz eigentlich tödlichen Wunden scheinbar unverletzt wieder auferstanden. Nur Rüdigers tapferem und edlem Opfer war es zu verdanken, dass Wadubrand überlebte. Rüdiger, der schon in Mythodea die schlimmsten Schlachten überstanden hatte, dem Untot gegenüberstand und sich als fähiger Kämpfer bewies, warf sich vor den Ritter, um an seiner statt die Klinge der Schergen abzufangen, die sich tief in sein Fleisch bohrte und ihn tödlich verletzte. Rüdiger starb in den Armen eines Kameraden. Horrik erzählte später, er habe noch das grausame und irre Lachen von Xavius wieder erkannt. Als Verstärkung auftauchte, um Kapitän Mutter zu befreien, lag sie mit übel zugerichteter Nase zwischen den Schergen, von Xavius keine Spur. Doch dieses Mal schienen die Schergen keine Kraft von Xavius zu beziehen und waren mit erheblicher Anstrengung endlich besiegt und getötet. Rüdigers Körper und die verletzte Kapitän Mutter wurden zurück zur Burg gebracht, wo Rüdiger an seinen Verletzungen verstarb und anschließend würdig aufgebart wurde.
Während dessen waren die anderen Gäste, die erwartet wurden auf der Burg eingetroffen. Mir wurde erzählt, eine Patrouille die in großen Kreisen um die Burg marschierte, fand wohl im Wald, angelockt von seltsamen Stimmen eine leuchtende Kugel. Meister Arcann erkannte, dass die Kugel ein Gefäß für Energie sei. Bei einer weiteren Patrouille wurde der lang verschollene Gardist Degan aufgelesen. Er erzählte mir später an diesem Abend er habe 20 Jahre lang bei Wildlingen gelebt. Es sei eine harte Zeit gewesen, bis er sich zuletzt dem Wildlingsklan der „Wolfskinder“ angeschlossen habe. Mit einem engen Freund, den er bei den Wildlingen gefunden habe, sei er hinter dem Gebirge, welches nördlich von Nebelwacht liegt, angegriffen worden und von seinem Freund getrennt worden, den er nun schmerzlich vermisse.
Ich war ganz überrascht, wie man überhaupt bei Wildlingen leben kann und will. Die Wildlinge die ich aus den zahlreichen Angriffen auf Westwacht, meiner Heimat, kenne sind so furchteinflößend gewesen, dass ich mir schwer vorstellen kann, eines solchen Wesen Freund zu werden. Doch vielleicht sind die Wildlinge nicht mehr so kampfeswütig, jetzt wo Xavius so viele Stämme von ihnen ausmerzt…auch die Angriffe auf Westwacht haben weitestgehend aufgehört. Selten noch sichtet man überhaupt einen Wildling…es ist schon furchteinflößend. Das grausamste was wir jeher auf Saltan kannten, waren eben jene Angriffe und nun hat eine Macht sie verjagt die noch schlimmer zu sein scheint. Die Stille der fehlenden Wildlingsangriffe fühlt sich auf ganz Saltan an wie ein Luftholen vor dem großen Sturm. Bangend blicke ich auf die Zukunft, denn wenn eine Macht unsere Feinde so in die Knie zwingt, wage ich nicht daran zu denken welche Kreaturen Magnas dies veranlassen.
Doch nun genug der traurigen und furchteinflößenden Gedanken. Um mich an diesem Abend ein wenig abzulenken gab es nichts Besseres als die Lustmalerei Ronja Spahnling. Ein kleines, bescheidenes Geschäftchen mit minimalem Gewinn…dies sollte auch meine Kameraden ein wenig aufmuntern. Lutz hat sich gut eingekauft und einige Bildchen erstanden. Anton hat eine komplette Sammlung erstanden und sich äußerst gut eingekauft und mein bester Kunde Sigismund hat seine Sammlung wieder aufgefüllt, denn der Gute hatte auf den vorigen Feldzügen eine solch gute Werbung für mich gemacht, dass er seine eigenen erstandenen Bilder verschenkte. Als Dank hat er die erste Sammelmünze der Lustmalerei Ronja Spahnling erhalten.
Mit Kapitän Mutter unterhielt ich mich gerade angeregt über Kohlspinnen (ich muss diese unbedingt in Saltans Sagengestalten aufnehmen, denn es sind sicher einige von Bord geschlüpft als ihr Schiff hier anlegte, ich befürchte eine Plage, die Leute müssen gewarnt werden!) als Fahlon, der sich schon vor einiger Zeit zum Ruhen in der Kammer verabschiedet hatte, mit leerem Gesichtsausdruck und aufgelöstem Haar in die Messe gewankt kam. Kein Rufen und kein Schnipsen konnte unseren ehrwürdigen Martu-Priester wecken. Er griff einen umherliegenden Stift und schrieb unbeirrbar einen Text nieder. Ich glaube ja er kam direkt von den Göttern, die durch Fahlon zu uns sprechen wollten, denn Fahlon konnte sich an nichts erinnern als er aufwachte nachdem ihm -ich glaube es war Knut- ins Gesicht schlug. Doch schon einmal sprachen die Götter durch Fahlon, weshalb selbst er nicht allzu beunruhigt war. Nachdem er nun durch den Schlag ins Gesicht hellwach war und sich erstmal nicht wieder in die Kammer begeben wollte spielte er mit uns noch ganz angeregt unser geliebtes Feuerspeck, bei dem ich jedes Mal glorreich verlor. So fand der Tag in einer „kleinen“ lustigen Runde doch irgendwann sein Ende.
Des Nachts hatte ich dann noch einen Traum, den ich am nächsten Morgen gleich Fahlon erzählte. Es stellte sich heraus, dass Maren, Bender und Will ebenfalls alle einen Traum hatten. Dies schien mir in Hinblick auf die gestrigen Erlebnisse ein Zeichen der Götter zu sein, die uns irgendetwas sagen wollten. Dieser Verdacht verstärkte sich, als Fahlon allen Gardisten berichtete, dass in der Nacht im Gebetsraum seltsame Perlen aufgetaucht waren. Diese würden wohl Energie speichern, wenn man göttergefällige Taten vollbringe, während man eine dieser Kugeln bei sich trage. Wir wurden alle dazu angehalten eine solche Kugel stets mit uns herum zu tragen.
Auch dieser Morgen begann dann aber endlich nach einer ausgiebigen Morgenmahlzeit mit einem Appell, bei dem Dreal Anton alle Gardisten auf ihre Pflichten kontrollierte und dafür sorgte, dass alle sicher und versorgt einen weiteren Tag im Dienst unseres geliebten Kaisers bestreiten konnten.
Es gab eine Messe im Sinne Marras zu Ehren unseres Kameraden Rüdiger, bei dem Kara ein paar sehr treffende und tröstende Worte fand.
Ach ja…über den Ereignissen vergaß ich zu berichten, dass sie als Gast ankam. Sie scheint wohl eine alte Freundin unseres Kommandanten Bender zu sein (der ihr einst einen Streich mit einem Zaubertrank spielte, weshalb sie nun eine äußerst seltsame Augenfarbe trägt) und sucht nach dem Auffinden eines alten Briefes nach ihrem Onkel. Dieser scheint der lang verschollene Gardist zu sein! Martu sei Dank, dass es hin und wieder auch schöne Überraschungen zu geben scheint!
Ich begab mich nun zur Schmiede der Burg, denn dort hatte ich einige kleine Aufgaben zu erledigen, um die Grimrok mich vor seiner Abreise bat und kam erst am späten Mittag wieder in die Messe zurück. So war ich vollkommen überrascht, als mir von den Geschehnissen berichtet wurde, die sich in der Zwischenzeit zugetragen hatten:
Eine Patrouille, die nach den Aufregungen des letzten Tages dazu angehalten war, besonders wachsam zu sein, marschierte rund um Nebelwacht und den Wald, vor allem die nördlichen Wege, als weit über die Weggabelung hinaus Kampfeslärm zu vernehmen war. Auf einer Lichtung standen sich zwei Gestalten gegenüber, die im Kampfe verschlungen das Näherkommen der Gardisten erst gar nicht zu bemerken schienen. Erst als die Gardisten der Patrouille sich zwischen beide drängten, richtete sich deren Aufmerksamkeit auch auf die Gardisten. Einer der beiden war wohl gekleidet wie ein Wildling, mit Fellen behangen, Ketten mit kleinen Tierschädeln um den Hals und einer Malerei im Gesicht. Doch er behauptete einen der unseren zu kennen, einen Gardisten mit dem er lange Zeit gemeinsam beim Klan der „Wolfskinder“ gelebt habe. Tatsächlich passten seine Beschreibungen zu Degan, der uns ähnliches berichtet hatte. Dennoch wurde der Wildling, der auf den Namen Hieronimus hört, mit äußerster Vorsicht gefesselt.
Die andere, sich im Kampf befundene Person war eine Frau in den Farben von Xavius Schergen, den sie fanatisch anpries und sich brüllend in den Kampf gegen die Gardisten warf. Doch immer wieder schien sie Momente lang Angst vor Xavius zu haben, sich vor den Farben des Wappenrocks zu fürchten und nicht zu wissen wo sie war. Einem dieser Momente war es zu verdanken, dass Anton sie niederstrecken und ebenfalls fesseln konnte. Er teilte sie Lex zur Bewachung zu und gab den Befehl zurück nach Nebelwacht zu marschieren.
Dort angekommen stellte sich die Behauptung des Wildlings als richtig heraus, denn Degan erkannte seinen Freund innerhalb eines Wimpernschlags wieder. Die Schergin war eine andere Sache…sie schrie und zeterte sobald auch nur der Name Xavius fiel, so als sei dies ihr Auslöser, um wie ferngesteuert gegen alles und jeden, der gegen den mächtigen Hexenmeister gesinnt war, niederzustrecken. Doch zwischenzeitlich schien sie eine ganz andere zu sein. Dann fragte sie bangend nach ihren beiden Kindern. Anton konnte noch ihren Namen erfahren „Krrrischna“. Gerade als Kapitän Mutter und Arkann der Magier sie verhören wollten bäumte sie sich mit den Worten „Xavius verlasse mich nicht!“ auf und sackte dann anschließend tot und mit gebrochenen Augen zusammen. Man trug sie fort und untersuchte ihren Leichnam. Viele tiefe Wunden und Narben überzogen ihren Körper, es schien als hätte sie an diesen Wunden schon mehrmals sterben müssen. Da aber sonst nichts nennenswertes bei ihr zu finden war, verbrannten Rekrut Lutz und Horrik im Auftrag des Kommandanten Bender sie, um auch sicherzugehen, dass Xavius nicht nochmal die Kontrolle über sie erlangen konnte.
Nachdem ich nun diese neusten Ereignisse erfahren hatte, konnte ich mal einen genaueren Blick auf diesen komischen Wildling werfen, von dem mir berichtet wurde. Schon allein die Erfahrungen in Westwacht ließen mich ihn mit Vorsicht betrachten und ich muss zugeben: er war mir schon ziemlich unheimlich…er bewegte sich stets vorsichtig und sein Blick war aufmerksam und wachsam, er hielt sich dicht bei Degan auf und wich diesem nicht von der Seite, ebenso wenig wie Degan dem Wildling von der Seite wich. Die beiden schienen mir schon ein enges Gespann zu sein. Doch ein Gardist, der sich so nah einem Wildling anvertraut, schien mir zunächst schon etwas seltsam. Und auch wenn Degan wieder einen Wappenrock trug, so vertraue ich ihm doch noch nicht vollständig.
Ich genehmigte mir eben einen großen Schluck köstlichsten Quellwassers, als Hieronimus auf mich zukam. Innerlich zuckte meine Hand zu meinem Messer, welches immer in meinem Gürtel steckte, doch zum Glück hatte ich den Krug in der Hand, sodass dies nur in meinem Kopf passierte. Ich gebot mich zur Ruhe und begrüßte den Wildling kurz und knapp. Doch dieser schien schon auf mich gewartet zu haben, denn er kam auf mich zu und fragte direkt, ob ich die Zwergin sei, die Grimrok ihm beschrieben habe. Ich war sehr überrascht diesen Namen aus seinem Munde zu hören. Er sei ihm nördlich des Gebirges begegnet und hätte ihm einen Brief für mich mitgegeben! Einen Brief von Grimrok! Nachdem ich solang nichts von ihm gehört hatte…ich war aufgeregt und bange zugleich…nicht dass Grimrok mir von einer ganzen Zwergin berichtete, die stattdessen sein Herz erobert hatte! Mit zitternden Händen nahm ich den Brief aus Hieronimus Händen entgegen und entschuldigte mich kurz. Mit bebendem Herzen las ich, was dort geschrieben stand: Mein Antlitz eingemeißelt in sein Gedächtnis! Er hatte mich nicht vergessen! Den Rest berichte ich nicht, der ist nur für meine werte Wenigkeit bestimmt. Doch er schrieb auch, dass er noch nicht wüsste, wann er wieder nach Nebelwacht kommen würde, da er noch nicht am Ende seiner Reise sei…
Glücklich und ein wenig traurig steckte ich den Brief dicht an meinem Herzen unter meinen Wappenrock, als der Kommandant durch Degan nach mir als offizielle Kartographin der Kohorte Falkenberg schickte. Gemeinsam mit ihm und Hieronimus konnte ich einen kleinen Teil des Gebietes von Saltan, welches nördlich von Nebelwacht liegt, aufzeichnen. Informationen die seit 20 Sonnenzyklen die ersten Neuigkeiten und damit einen sagenhaften Durchbruch für unsere Garde darstellten. Ob diese im unvollständigen Zustand von allen Gardisten eingesehen werden dürfen, wird sich noch herausstellen. Mir fiel plötzlich ein, dass ich während der gesamten Zeit, einen dieser seltsam ziehenden Kristalle bei mir trug, also ging ich nach Beendigung meiner Aufgabe als Kartographin direkt und ohne Umwege zu Bruder Fahlon und fragte ihn, ob ich ihm etwas erzählen konnte, was ich wie meinen Augapfel hüten sollte (so trug es mir Kommandant Bender in strengem Ton auf). Dieser willigte ein dieses Wissen, welches ich ja nun erworben hatte, zu hüten und bis zur offiziellen Freigabe durch den Kommandanten, für sich zu behalten. Fortan konnten Bruder Fahlon und ich uns feierlich Augapfelfreunde nennen. Ich begab mich mit ihm zum Altar mit dem Weihwasser und ließ den kleinen unscheinbaren Kristall hineinfallen…und tatsächlich! Die Kugel färbte sich in einer anderen Farbe! Eine heilige Stimmung verbreitete sich in unserem schönen Gebetsraum und ich fühlte mich ganz den Göttern verbunden in diesem Moment.
Diese ehrwürdige Stimmung zog sich dann auch bis zum Abend hin, als wir uns im Trauerzug für Rüdiger aufstellten, der uns bis zu unserer Schwurfeier noch ein letztes Mal begleiten würde. Mit feierlichem Trauergesang an der Spitze des Zuges führte Fahlon die kleine Gemeinde an. Unsere traute Runde wurde mit Benders epischer Trauerrede zu Rüdigers Ehren eröffnet, Wadubrand und einige Kameraden traten aus dem Kreis, um einige letzte Worte an Rüdiger zu richten. Einen Moment der Stille breitete sich aus, in dem wir alle Rüdigers Opfer gedachten.
Anschließend beförderten Kommandant Bender und der Gardekommandant Ser Sedrick von Falkenberg Rekrut Will und Rekrut Gregor in den Rang eines Gardisten. Feierlich durften diese eine kleine Holzscheibe verbrennen und damit sinnbildlich ihre Rekrutenmarke. Es wurden noch einige Abzeichen für Tapferkeit und Dankbarkeit verliehen. Sogar ich erhielt eine kleine Wertschätzung für die Aufrechterhaltung der Truppenmoral. Im Fackelschein schworen wir inbrünstig unseren Eid für die Garde, den Kaiser und das Kaiserreich! Wir zogen wieder gesammelt zurück zur Messe, Rüdigers Träger bahrten ihn noch würdig auf und gingen dann, noch einen letzten Blick auf ihn werfend, ebenfalls in die Messe.
Um die Stimmung der Gardisten ein wenig zu Heben riefen Kommandant Bender und der Gardekommandant Ser Sedrick von Falkenberg den Zapfenstreich aus! Eine kleine Freude angesichts der Trauer in unseren Herzen. Doch wie Rüdiger es gewollt hätte, tranken und feierten wir und in unseren Herzen war er mit dabei! Der Abend war schließlich dann auch fröhlich und je mehr Met und Bier flossen, desto ausgelassener wurden wir wieder. Will lernte an diesem Abend doch noch die Götter und Feuerspeck war auch wieder ein gefragtes Spiel. Ich informierte in einem Gespräch noch über Stollenolme (die ebenfalls unbedingt in die Sagengestalten Saltans aufgenommen werden müssen) und versprach Will, Gregor und Ria bei der nächsten Gelegenheit, ihnen einen Lutschkiesel mitzubringen. Von dieser vergnüglichen Leckerei schienen sie noch nie gehört zu haben…so wich schließlich auch dieser Tag dem Nächsten.
Die Sonne hatte sich nun aus dem Nebel hervorgekämpft und der Morgenbrei war verschlungen. Die Gardisten machten sich gerade bereit für den alltäglich anstehenden Apell, als mich der Befehl erreichte „Setze Bruder Fahlon und Tristan fest!“ Ich war erstaunt, doch ich gehorchte sofort. Beide setzten sich mindestens genauso erstaunt an einen Tisch. Und nun hieß es warten…die gesamte Zeit über fragte ich mich weshalb wohl. Bruder Fahlon schien mir in den letzten Tagen keinen Fehler begangen zu haben und auch bei Tristan konnte ich mich an keinen Regelverstoß entsinnen. Bruder Fahlon erzählte, er wüsste nun was mit der geheimnisvollen Kugel voller Energie zu tun sei, denn die Götter hätten ihm im Traum das Ritual der Energieübertragung gezeigt.
Nach geraumer Zeit, kam ans Licht, dass auch Kommandant Bender und Kapitän Mutter festgesetzt waren. Bei allen hätte man unerklärlicherweise Blut an den Handflächen entdeckt, welches Maren analysiert hatte. Auch Arkann hatte wohl auf magische Weise die Festgesetzten analysiert, denn er stellte gewisse Fäden fest, die zu Kapitän Mutter und aber auch irgendwie zu Xavius zu führen schienen. Ganz verstand ich das nicht, denn das brennende Knistern von Magie die Arkann ausgeübt hatte, roch ich noch in der Luft und es verwirrte meinen Zwergengeist ein wenig.
Da man mit der Ergründung nicht ganz weiter zu kommen schien, rief Leutnant Knut doch zum Apell auf. Ich war weiterhin zur Bewachung Bruder Fahlons abkommandiert und stand dicht neben ihm außerhalb der Reihe. Gerade als die Gardisten überprüft werden sollten, tauchte aus dem Nichts Xavius auf! Welch ein Schreck! Was genau er sprach habe ich in der darauf folgenden Aufregung ganz vergessen. Ich weiß nur, dass Knut schreiend und krampfend zusammenbrach. Selten hatte ich jemanden so schreien gehört. Mir wurde es heiß und kalt und eine Übelkeit ergriff mich. Ich konnte nur entsetzt auf unseren Schreienden Leutnant starren. Kameraden beugten sich über ihn und versuchten ihm erfolglos zu helfen, bis dieser in eine tiefe Ohnmaht fiel. Irgendwo drangen noch Xavius Worte „…Zwerge in Grimsvoetn übernommen…“ an mein Ohr und plötzlich riss Bruder Fahlon mir meine Waffe aus der Hand und stürmte mit aufgerissenen Augen und „für Xavius“ brüllend auf mich los! In meinem tiefsten Inneren erschüttert versuchte ich Fahlon auszuweichen und flehte ihn an aufzuhören, doch ich schien seinen Geist nicht zu erreichen. Immer wieder versuchte er mit meinem Rabenschnabel auf mich einzuschlagen, immer wieder musste ich ausweichen. Zum Glück umkreiste ihn ein Gardist und schlug ihn nieder. Ich schaute mich um…überall lagen bewusstlose und verletzte Gardisten auf dem Boden. Irgendjemand gab den Befehl alle in die Messe zu bringen. Dort angelangt fragte Wadubrand wer Dienstältester war. Ich schaute mich um und mit Erschrecken wurde mir bewusst, dass ich diesen Posten gerade inne hatte. Ich meldete mich zu Wort und er rief mir zu, dass ich nun die Verantwortung hätte, er müsse beim Gebetsraum nach dem Rechten sehen, es sei etwas passiert. Ich nickte nur, und Wadubrand stürmte davon.
In der Messe blickte ich hilflos umher…doch das erste Mal hatte ich einen Überblick über die Situation (ganz ohne meine Kiste), da alle Gardisten am Boden zu liegen schienen. Das kam mir mit meiner Zwergenstatur nun sehr gelegen. Ich befehligte die wenigen verbliebenen Gardisten die bewusstlosen, übernommenen Gardisten in eine Ecke zu bringen und versuchte sie von den Verletzten zu trennen. Dies war nun gar kein einfaches Unterfangen, denn die Übernommenen wachten alle Nase lang auf und wollten weiter angreifen. Ich gab Befehl sie zunächst jedes Mal nieder zu schlagen. Während dessen kümmerten sich die Heiler um die überall am Boden liegenden Verletzten. Ich suchte Seile oder irgendetwas, um die Übernommenen daran zu hindern aufzuspringen. Schließlich konnte ich immerhin Bender und Fahlon fesseln. Mephis stand mit einem Nudelholz bewaffnet zwischen zwei Übernommenen und schlug mal dem Einen und mal dem Anderen auf den Schädel. Als schließlich Knut aus seiner Ohnmacht erwachte und auch Ria wieder zu Verstand kam, entspannte sich die Situation ein wenig, da die Beiden weitaus geübter im Befehligen waren. Irgendwann kamen wohl auch die anderen übernommenen Gardisten zu sich. Später erfuhr ich, dass dies wohl durch Beten erreicht werden konnte. Ich wurde von Ria abkommandiert, um Gardisten die aus irgendwelchen Gründen im Wald gekämpft hatten zurück nach Nebelwacht zu tragen. Unter ihnen war Dreal Anton, der gerade dabei war Dreal Arthur festzuhalten. Dieser schien ebenfalls ein Übernommener zu sein. Ich konnte die Szenerie nicht in ihrem Ausmaß begreifen. Als Anton mir befahl Arthurs Daumen zu brechen, gehorchte ich einfach. Mir blieb auch gar keine Zeit über den Befehl nachzudenken, denn schon einen Wimpernschlag später erreichte mich ein Befehl von Ria und Wadubrand: „Schilde schnappen und Hilfe aus der Burg holen, um den nun bewusstlosen Arthur zur Festung zurück zu bringen“. Dort angekommen sah ich etwas mehr Ordnung in der Messe, aber immernoch zahlreiche Verletzte. Kapitän Mutter lag in einer Blutlache, beinahe so groß wie sie selbst. Der Brustkorb freigelegt, auf dem das gebrochene Siegel von Aelias und ein Holzsplitter herausstachen. Zwei Helfer hielten sie ruhig, während die Heilerin sich tief über Kapitän Mutter beugte.
Auf einem Tisch lag ein Schild mit einer Mütze darauf und einem ekligen, blutigen Fleischklumpen darin. Woher der kam und was dies eklige Ding war, wusste ich nicht. Doch von irgendwoher wurde dazu geraten es zu analysieren. Drago betrachtete es zunächst, doch ob er etwas fand weiß ich nicht, denn ich wurde mit der nächsten Aufgabe betraut: die Energiekugel aus unserem Gebetsraum zu holen und in Sicherheit zu bringen. Angeblich war schon das Diadem gestohlen worden. Und tatsächlich lag es nicht mehr auf dem Regal als wir den Raum betraten. Wir sicherten die Kugel und gingen so schnell wie möglich in die Messe zurück, wo wir die Kugel in eine Holztruhe packten und Lex sich darauf setzen musste und sich für eine lange Zeit erstmal nicht von dieser Truhe erheben durfte. Doch langsam schien sich die Situation ein wenig zu entspannen. Ich hörte weniger Jammern der Verletzten und die Übernommenen waren auch alle wieder bei Verstand.
Nun wurde uns jedoch eindringlich klar: Wir mussten so schnell wie möglich das Ritual vollführen, von dem uns Bruder Fahlon erzählt hatte, um die Götter gegen Belior zu stärken. Doch noch war nicht genügend Energie in die Kugel geflossen. Also rief Fahlon alle Gardisten dazu auf, so viele göttergefällige Taten zu vollbringen, wie es nur ginge. Und das ließen sich die Gardisten nicht zweimal sagen! Im Angesicht des Schreckens war wohl jedem noch so einfältigem Gardisten die Wichtigkeit der Stärkung unserer Götter bewusst, und so versammelten sie sich im Glaubensraum, nahmen sich die kleinen ziehenden Kristalle aus dem geweihten Wasser und begannen Duelle im Namen Noronnas, Duelle zu Ehren von Ur, Gebete im Glauben zu Marra und viele weitere göttergefällige Taten zu vollbringen. Die Energie der Kugel schwoll an, bis Fahlon sie für nutzbar erklärte. Es wurde besprochen, das Ritual in der Abenddämmerung abzuhalten und viele Gardisten erklärten sich bereit oder wurden bereit erklärt, für jede einzelne Gottheit zu sprechen. So blieb dann auch noch ein wenig Zeit ein paar Worte vorzubereiten. Ich meldete mich natürlich augenblicklich um zu Ehren meines hoch verehrten Gottes Ur zu sprechen, an den ich inbrünstig glaubte und an welchem mein Glaube tiefe Wurzeln geschlagen hatte, seit ich mir meine zwergische Abstammung eingestand.
So war die Zeit dann auch bald gekommen, sich in einem Halbkreis unter freiem Himmel zu versammeln. Arkann gab jedem Fürsprecher einen kleinen blauen Kristall, die als Kanalysator der Energie dienen sollten. Es hatte sich herausgestellt, dass die kleine Maid und der Knappe aus dem Gefolge Wadubrands als einzige in der Lage gewesen waren diese Steine zu sehen und zu finden. Welch ein Glück, dass wir gerade zu einem solch wichtigen Moment diese Gäste auf unserer schönen Burg Nebelwacht beherbergen durften!
Feierlich stimmte Bruder Fahlon den Beginn des Rituals an und es folgten in der Reihenfolge der Schöpfungsgeschichte die Fürsprecher der Götter. Eine heilige, ehrwürdige Stimmung breitete sich unter uns aus als die Energie tatsächlich aus der Kugel entwich. Eine atemlose Stille hielt uns im Bann und ein Schauer lief über meinen Rücken, als ich ein Raunen vernehmen konnte. Stimmen klangen in meinen Ohren, in meinem Kopf und hallten in meinem Körper wieder. Die Ehrfurcht erfasste uns und nacheinander beugte ein jeder Gardist das Knie und senkte das Haupt. Von unserem schwachen Blut und von Etiden sprachen sie, und davon dass wir wieder korrigieren sollten was wir einst an Fehlern begangen hatten. Von Artefakten und ihrer Macht, die wir uns zu Nutze machen sollten. Dann verhallten die Stimmen und das Beben in meinem Körper verebbte langsam… Wir schauten einander an und waren fassungslos: Die Götter hatten zu uns gesprochen. Knut und einige andere Offiziere wurden plötzlich ganz aufgeregt und riefen alle Gardisten in die Messe. Wir sollten uns in einer Reihe aufstellen und jeder bekam eines der Artefakte die wir schon besaßen in die Hand (die Kette und das Diadem). Als ich an der Reihe war wurde mir das Diadem aufs Haupt gesetzt und augenblicklich sah ich mich wieder als kleines Kind in der Schreinerei meines Vaters, wie er mir lachend Spielzeug aus übrig gebliebenen Holz anfertigte und gleichzeitig sah ich mich älter, mit längerem Barte und als hoch dekorierte Gardistin, ausgezeichnet für den langen Dienst in der Garde.
Ich muss ohnmächtig geworden sein, denn als ich wieder zu mir kam, hielt mich Bender am Kragen und schüttelte mich vorsichtig wach. Er setzte mich wieder ab und rief nach dem nächsten Gardist. Ich musste mich erstmal setzen und verarbeiten, was ich eben erlebt hatte. Dieser Tag war wirklich voll von Absonderlichkeiten…ich musste mir erstmal etwas zu trinken einschenken. Nach einem großzügigen Schluck war ich bereit mich mit meinen Kameraden auszutauschen, die anscheinend ähnliches erlebt hatten. Allerdings nur die, welche das Diadem aufgesetzt hatten. Diejenigen, die die Kette in der Hand gehalten hatten, waren erfüllt vom Hass gegen das Böse.
Um ein wenig zur Ruhe zu kommen begab ich mich auf meine Kammer, denn als hätte der Tag nicht schon genug Aufregendes mit sich gebracht, wurde mir bewusst, dass ja noch die Mitwinterfeier und der Wettbewerb der Künste stattfinden sollten. Ich flocht also meinen Bart noch einmal neu, zog mir ein schlichtes Kleid über und begab mich anschließend zu den Mitwinterfeierlichkeiten. Mit Masken und im Kreise stehend wurden auf dem großen Platz in der Burg ein Gebet gesprochen und beim Eintritt in die warme Messe wurde einem jeden der Segen zuteil. Dann wurde gegessen und schließlich der Wettbewerb der Künste ausgerichtet, bei welchem wie ich sagen muss, ein Höhepunkt dem anderen folgte. Von zahlreichen Liedern, über Gedichte, Truppenmoral und Erzählungen über den Tag eines Gardisten, dem Tanz der geheimnisvollen Schönheit Siggilinde. Auch die Werbeunterbrechungen glichen einem Kunstbeitrag und bestimmt lasse ich nun keinen Morgensport der Garde mehr aus! Jubelnd und Klatschend fand der Abend schließlich seinen endgültigen Höhepunkt im Ernennen der Sieger: Lutz, Bella und Gregor mit einem fabelhaften Gesang und Spiel der Instrumente.
Als ich schon dachte, der Abend neige sich zu Ende, trug Anton noch eine Petition für ein ganz bestimmtes Schmuddelbildchen an mich heran, die er vor allen Gardisten verkündete und die ich nun, da alle unterschieben hatten, nicht ablehnen konnte. Ich forderte die Darstellung eben dieses Bildchens, zu dem Lutz schon halb auf Arthur knieend sich augenblicklich bereit erklärte. Mit tosendem Beifall wurde diese Darstellung von den Gardisten bejubelt und dann wurde gefeiert! Ein jeder stürzte sich nun in die Feierlichkeiten, als gäbe es kein Morgen. Getrunken, getanzt und gelacht wurde bis in die frühen Morgenstunden. Und sind wir mal ganz ehrlich: nach diesen ereignisreichen Tagen hatte sich das auch jeder einzelne Gardist verdient.